Freizeichen (2016)

27.10.16 CD Album / TRC
Freizeichen (2016)
01.
Offline
Text: William Wahl; Musik: Oliver Gies/William Wahl

Anja hat ihr Zweimannzelt
Gebraucht auf eBay eingestellt
Und sie schaut nach den Geboten
Tobi hat 'nen Film gemacht
Der lief auf 3sat gestern Nacht
Und er checkt noch kurz die Quote

Paul guckt alle naselang
Mechanisch auf seinen Posteingang
Obwohl er eigentlich auf nichts wartet
Hannah wollte nur ganz schnell
'Ne kleine Runde Quizduell
Doch leider ist das ausgeartet

Tja, ihr Lieben, es wird Zeit
Für etwas Unerreichbarkeit
Und darum Hände weg vom Steuer
Und auf ins letzte Abenteuer

Wir gehen offline
Gut zwei Stunden ohne Klicken
Ohne Wischen, Ziehen, Swipen, Liken, auf den Bildschirm blicken
Wir sind leider alle süchtig
Und zwar wohl so richtig
Doch nun werden wir erstmal ohne unseren Stoff sein
Denn wir gehen offline


Hannes hat lang nichts gekauft
Darum guckt er nach Pullis auf
Mirapodo und Zalando
René hat Hunger, und zwar sehr
Er bestellt sich für nachher
Pizzabrot auf Lieferando

Werner grüßt auf Skype die Kinder
Arndt vertreibt sich Zeit auf Tinder
Und wer weiß, was William täte
Ohne mobile Endgeräte

Wir gehen offline
Gut zwei Stunden ohne Klicken
Ohne Wischen, Ziehen, Swipen, Liken, auf den Bildschirm blicken
Wir sind leider alle süchtig
Und zwar wohl so richtig
Doch nun werden wir erstmal ohne unseren Stoff sein
Denn wir gehen offline

So wie Babys, die in Wiegen Mobiles anstieren
Schauen wir gebannt auf alles, was blinkt
Als fänden wir tatsächlich auf Schirmen
Anstatt in unseren Hirnen
Zwar mühsam, doch dafür in uns drin
Wirklich so was wie 'nen Sinn

Wir gehen offline
Wir versuchen's ohne Klicken
Ohne Wischen, Ziehen, Swipen, Liken, auf den Bildschirm blicken
Wir sind leider alle süchtig
Und zwar wohl so richtig
Doch nun werden wir erstmal ohne unseren Stoff sein
Denn wir gehen offline
Das wird hoffentlich kein Grund für Zoff sein
Oder doch? Wer weiß? Na ja, ich hoff' nein
Wir gehen offline
02.
Putzfrau
Text & Musik: Oliver Gies/William Wahl

Ich hab' seit kurzem eine Putzfrau
Und es gibt da ein Problem
Wer bei mir schon einmal war
Der würde das sofort verstehen

Es ist halt das totale Chaos
Alles starrt bei mir vor Dreck
Selbst bei Hempels unterm Sofa
Ist es im Vergleich adrett

Das Ganze war mir furchtbar peinlich
Ich hab' die Bude aufgeräumt, hab' Staub gewedelt und gewischt
Sie war wie abgemacht um Vier da
Ich kochte ihr Kaffee und sie lobte mich dafür, wie sauber es bei mir war

Putzfrau, Putzfrau
Ich hab' eine Putzfrau, Putzfrau
Ja, es sah aus wie Sau, wie Sau
Doch ich hab' 'ne Putzfrau, Putzfrau


Weil sie die Fliesen in der Dusche
Über der Kabinenwand
Ohne Hilfe schwer erreicht
Hat sie mich einfach eingespannt

Ich schrubbte gründlich jede Kachel
Hatte Hustenreiz vom Spray
Aber davon abgesehen
Lief's für den Anfang ganz okay

So dass sie eine Woche später
Mir simste, sie nähm' sich mal frei, doch wüsste ich ja selbst, wie's geht
Beginnen sollt' ich mit der Toilette
Vielleicht käm' sie später kurz noch vorbei auf 'nen Kaffee und eine Zigarette

Putzfrau, Putzfrau
Ich hab' eine Putzfrau, Putzfrau
Ja, es sah aus wie Sau, wie Sau
Doch ich hab' 'ne Putzfrau, Putzfrau


Die Woche drauf rief sie mich an, sie sei grad shoppen in Berlin
Doch daheim hätt' sie 'nen Kunden mit 'nem weiteren Putztermin
Und könnt' ich da nicht für sie hin?
Ich sag: na klar, ist doch kein Ding

Seitdem ist etwas Zeit vergangen
Seltsam wie das alles kam
Sie zahlt nicht gut, doch dafür regelt sie
Den ganzen Orgakram

Putzfrau, Putzfrau
Ich bin eine Putzfrau, Putzfrau
Ich weiß nicht, war das so schlau?
Doch bin 'ne Putzfrau, Putzfrau

Putzfrau, Putzfrau
Irgendwie bin ich da reingerutscht
Doch das passiert schnell mal
Wenn man für seine Putzfrau putzt

03.
Sodom und Gomera
Text & Musik: William Wahl

Badebehoste Bierbäuche beben
Als ihre Eigentümer sich erheben
Vom Tresen der Bar zurück zum sonnenölverschmierten Pool
Sie balancieren Biere und Fritten
Und es zittern unter ihren Schritten
Männertitten, die sanft wippen, bis sie seitwärts kippen im Liegestuhl

Aus den Lautsprechern singt Roland Kaiser
Ich wünschte mir, er sänge leiser
Denn das sind hier lauter Kenner
Und alle grölen mit ,,Joana"

Wer hat mir bloß zu dieser Anlage geraten?
Ich mache Urlaub unter Primaten

Und neben mir trinkt ein Zwölfjähriger Bier
Und eine Horde von Ukrainern
Säuft Sangria aus dem Eimer
Es ist übel, denn der Kübel wird schnell leerer
Sodom und Gomera


Auf dem Zimmer keine zirpenden Zikaden
Sondern Maden, die sich nagend laben
Und Kakerlaken, die in harten Laken warten ohne Hast
Und während jene sich verstecken
Zieren die Fliesen fiese Flecken
Da sind Haare und ein Rest Frutti di Mare noch vom vorherigen Gast

Wer hat mir bloß zu dieser Anlage geraten?
Ich mache Urlaub unter Schaben

Und neben mir wird beständig kopuliert
Zu schlafen ist nicht drin
Denn meine Zimmernachbarin
Besteigt so lautstark wie beharrlich ihren Verehrer
Sodom und Gomera


Galt diese Insel nicht als Aussteigerrefugium?
Was zutrifft ist: kein Gast hier hat ein abgeschlossenes Studium
Ein Sport-LK samt zugedröhntem Lehrer
Ein ganzer Trupp besoffener Spätheimkehrer
Ein Typ halbnackt, die anderen legerer

Sodom und Gomera
Es geht immer noch was ordinärer
Sodom und Gomera
04.
Gute-Laune-Musik
Text: William Wahl; Musik: Thomas Aydintan/William Wahl

Seit heute früh sitz ich an mein'm Klavier
Nur leider ist die Ausbeute mager
Ich schrieb so gern ein besinnliches Lied
Doch alles klingt nach Schlager

Der Beat ist stumpf, fast schon penetrant
So wird das nie eine Ballade
Die Harmonien furchtbar unelegant
Das alles ist echt unschön und sehr schade

Es sind nicht nur die Töne, nicht nur die Melodie
Dem ganzen Ding fehlt einfach jede Poesie
Doch was ich leider trotzdem nicht aus der Birne krieg, ist dies' Lied
Was bleibt, ist blanker Hass auf Gute-Laune-Musik


Am nächsten Tag Probe mit der Band
Ich sing das Lied und krieg auf die Mütze
Der Song wird einstimmig abgelehnt
Er sei die letzte Grütze

Ich werde fast schon zusammengeschrien
Bis ich vor Scham betroffen verstumme
Nur hör ich später einen jeden von ihnen
Leise die besagte Grütze summen

Es sind nicht nur die Töne, nicht nur die Melodie
Dem ganzen Ding fehlt einfach jede Poesie
Doch was ich leider trotzdem nicht aus der Birne krieg, ist dies' Lied
Was bleibt, ist blanker Hass auf Gute-Laune-Musik

Es kam, wie's kommen musste, Dinge nahmen ihren Lauf
Natürlich nahmen wir das Dreckslied ins Programm mit auf
Ihr denkt, ihr wärt immun, doch seid ihr erst einmal zuhaus
Wartet ab, was für Musik, wenn ihr hellwach im Bettchen liegt
Die ganze Nacht lang einfach weiterspielt

Es sind nicht nur die Töne, nicht nur die Melodie
Das ganze Ding bringt einen in die Psychiatrie
Denn was man leider nie mehr aus seiner Birne kriegt, ist dies' Lied
Was bleibt, ist blanker Hass auf Gute-Laune-Musik
Wir wünschen gute Nacht mit Gute-Laune-Musik
Bis morgens um halb acht mit Gute-Laune-Musik
05.
Jochens
Text & Musik: Oliver Gies/William Wahl

Seit es Lieder gibt, kann man auf eine Sache bauen
Männer singen Liebeslieder über Frauen
Und die Frauen stehen mit ihren Namen gern dafür Modell
Sie heißen Angie, Eloise oder Michelle

Für jede Frau singen Sänger Reime
Nur für Männer reimen keine
Und darum sing' ich dieses Lied für alle

Jochens, Jürgens, Christians
Für Justins, Dustins, Sebastians
Und ich hoff', dass euer Lied euch auch gefällt
Ein Lied für Herberts, Helmuts, Haralds, Hanse
Für Ralfs und Rolfs und Ferdinandse
Für alle Leos, Larse, Lutze dieser Welt


Barry Manilow sang derart detailliert von seiner Mandy
Dass jeder Hörer sofort denkt: ich glaub, ich kenn' die
Von Alice weiß leider keiner, wo sie heute wohnt
Doch dass sie nett war, hat Howie stets betont

Man kennt Beethovens Elise, Richard Claydermans Adeline
Man weiß von Juliet, Roxanne und Billy Jean
Und auch ein Mädchen namens Lena kriegt ein Lied als Hauptgewinn
Es ist zwar nur von Pur, aber immerhin

Für jede Frau singen Sänger Ständchen
Doch was ist mit den Männchen?
Und darum sing' ich dieses Lied für alle

Jochens, Jürgens, Christians
Für Justins, Dustins, Sebastians
Und ich hoff', dass euer Lied euch auch gefällt
Ein Lied für Herberts, Helmuts, Haralds, Hanse
Für Ralfs und Rolfs und Ferdinandse
Für alle Leos, Larse, Lutze dieser Welt


Warum gibt es für Gaston keinen einzigen Chanson?
Nicht eine einzige Ballade für einen der vielen Eberharde?
Wo bleibt der Hit für Pit?
Ist denn ein Ingmar unbesingbar?

Rudis, Rainers, Jense, Klause
Noahs, Norberts, Nikolause
Ich hoff', dass euer Lied euch auch gefällt
Ein Lied für Thorbens, Thorstens, Toms und Tims
Renés, Rogers, für Arndts und Finns
Für Werners, Williams und für Wendelins
Ich finde, wir verdienen's

06.
Cut, copy & paste
Text & Musik: William Wahl

Textbausteine sind markiert
Neue Shortcuts definiert
Das geht so schon jahrelang
Mit dem Auftragsüberhang
Tausend Mails im Posteingang
Also cut, copy & paste!

Das Controlling will von mir
Noch heut das Strategiepapier
Unsere Arbeit endet nie
Schmerz im Rücken, Gicht im Knie
Dann die Erdnussallergie
Also cut, copy & paste!

Eisig weht uns der Wind ins Gesicht
Warum tut's die Klimasteuerung nicht?
Wann werden wir unsere Liebsten wiedersehen?
Wir um halb fünf, der Praktikant um viertel nach zehn


Wir kämpfen Seit' an Seit' zusammen
Mit dem neuen Prüfprogramm
Powerpointpräsentation
Der Sales Director drängelt schon
Ja, wir verdienen unseren Lohn
Nur mit Cut, copy & paste

Männer wie wir sind ungezähmt und frei
Unsere Sehnenscheiden entzündet von der ganzen Klickerei
Wir stehen zusammen gegen Sturm und Wind
Solange noch Nespressokapseln in der Teeküche sind

Ja, unser Ton ist manchmal derb und rauh
Denn wir fürchten nichts außer Personalabbau
Männer wie wir fluchen von morgens früh bis spät
Wo ist verdammt nochmal das Milchaufschäumgerät?


Lasst uns zur Kantine gehen
Doch wer soll das überstehen?
Sie wird unser aller Grab
Denn heute ist Gemüsetag
Cut, copy & paste!
07.
Ein kleines bisschen Hass
Text & Musik: William Wahl

Du hältst alten Damen beim Bäcker die Tür auf
Sagst ,,Gesundheit", wann auch immer jemand niest
Gibst deiner Schwester einen Mädelstrip an die Cote d'Azur aus
Klar, dass du, während sie weg ist, ihre Blumen für sie gießt

Du machst deinem Kollegen, der dir eigentlich unterstellt ist
Morgens 'nen Kaffee mit heißer Milch
Oft denkst du dir, dass du vielleicht zu nett für diese Welt bist
Doch lieber bist du netter Kerl als böser Knilch

Doch dann siehst du diesen Mann an der Straßenbahnstation
Er rennt zur Bahn, doch deren Türen schließen sich ja schon
Du sitzt am Fensterplatz und fieberst mit - er schafft es nicht
Er flucht, schlägt gegen's Fenster, und da freust du dich

Ein kleines bisschen Hass, ein kleines bisschen Niedertracht
Und etwas Missgunst tut jedem mal gut
Ein kleines bisschen Schadenfreude, etwas Widerwärtigkeit
Und schon fühlst du dich voller neuem Lebensmut


Zwar sollst du dabei nie vergessen
Dich am Hass nicht zu überfressen
Doch du darfst ruhig mal dran naschen
Versehentlich das Negligée der Exfreundin auf neunzig Grad zu waschen
Wär zum Beispiel nicht zu krass
Gönn dir ein kleines bisschen Hass

Siehst du dort die große Parklücke da gleich am Supermarkt?
Dort passen mindestens zwei Autos hin, wenn man mit Umsicht parkt
Aber wie oft musstest du unter Fluchen
Dir weiter weg 'nen anderen Parkplatz suchen
Weil ein Idiot einfach in der Mitte parkte
Das waren für dich mal mindestens zwei kleine Herzinfarkte

Darum fahr jetzt bitte vorwärts in die Lücke, ruhig ein großes Stück
Aber dann beim Rückwahrtsfahren nur ein kleines Stück zurück
Oh, wie oft wurdest du bisherig
Bei so Aktionen fast cholerisch
Über so Spacken mit 'nem niedrigen IQ
Ist das nicht schön: der bist heut du

Ein kleines bisschen Hass, ein kleines bisschen Niedertracht
Und etwas Missgunst tut jedem mal gut
Ein kleines bisschen Schadenfreude, etwas Widerwärtigkeit
Und schon fühlst du dich voller neuem Lebensmut

Zwar sollst du dabei nie vergessen
Dich am Hass nicht zu überfressen
Aber du darfst ruhig dran probieren
Dem Lieblingsnachbar mitternachts in sein Gemüsebeet zu urinieren
Wär zum Beispiel nicht zu krass
Gönn dir ein kleines bisschen Hass


Kurz zurück zu dem Kollegen, dem du morgens Kaffee bringst
Und der sich nie bei dir mal revanchiert, was du nicht gerade höflich findest
Auch heute bringst du ihm seinen Kaffee
Er nimmt 'nen Schluck und rennt gleich zum W.C.
Ach so, die Milch war, wer hätte das gedacht
Die mit Mindesthaltbarkeit 2008

Ein kleines bisschen Hass, ein kleines bisschen Niedertracht
Und etwas Missgunst tut jedem mal gut
Ein kleines bisschen Schadenfreude, etwas Widerwärtigkeit
Und schon fühlst du dich voller neuem Lebensmut

Zwar sollst du dabei nie vergessen
Dich am Hass nicht zu überfressen
Doch du darfst ruhig mal dran schlecken
Aber den Hund, der zu laut bellte, mit 'nem Kopfschuss niederstrecken
War dann doch ein bisschen krass
Den nächsten spritzt du vielleicht einfach besser nass
Ich glaub, du findest schon von selber irgendwas
Gönn dir ein kleines bisschen, ein ganz klein bisschen
Ein kleines bisschen Hass





08.
Nachkommen
Text: Arndt Schmöle/William Wahl; Musik: William Wahl

Hallo, mein Lieber, klar, ist tolles Wetter
Wie gemacht für unseren Ausflug in den Zoo
Ich wollte den auch gar nicht komplett canceln
Doch es ist bei mir und meiner Freundin so

Dass unser Timing sich verschoben hat
Was man sonst abends tut, tun wir nun bei Tag
Das hat sich irgendwie so ergeben
Drum verzeih, wenn ich jetzt sag

Wir werden nachkommen, denn wir wollen Nachkommen
Und wie du weißt, geht das nicht von allein
Wir werden nachkommen, denn wir wollen Nachkommen
Und darum werden wir heut etwas später sein

Wir werden nachkommen, denn wir wollen Nachkommen
Wir hoffen sehr, du nimmst es mit Humor
Wir werden nachkommen, denn wir wollen Nachkommen
Und Nachkommen kommen nicht von selber vor


Anscheinend hast du mich nicht ganz verstanden
Irgendwie hatte ich das im Gespür
Jedenfalls stehst du ein paar Minuten später
Vor unserer Wohnung und du klingelst an der Tür

Moment, sag ich, und hüll' mich in ein Laken
Da stehst du schon vor dem Türspion
,,Wir können nicht", ruf ich und du fragst ,,Warum nicht?"
Hey, du kennst die Antwort schon

Du solltest vorfahren, wir werden Vorfahren
Jedenfalls ist das gerade unser Plan
Du kannst ruhig vorfahren, wir werden Vorfahren
Wir können nicht, jedenfalls nicht momentan

Du solltest vorfahren, wir werden Vorfahren
Oder warte kurz und lies ein gutes Buch
Du kannst ruhig vorfahren, wir werden Vorfahren
Wir unternehmen zumindest gerade den Versuch


Wenn du sauer bist, dann schlicht' ich
Unseren Streit, doch es ist wichtig
Dass du begreifst: Es ist an der Zeit
Dass Vorfahren nachkommen
Damit Nachfahren vorkommen

Wir werden nachkommen, denn wir wollen Nachkommen
Und wie du weißt, geht das nicht von allein
Wir werden nachkommen, denn wir wollen Nachkommen
Und darum werden wir heut etwas später sein

Du solltest vorfahren, denn wir werden Vorfahren
Wir hoffen sehr, du nimmst es mit Humor
Du solltest vorfahren, denn wir werden Vorfahren
Wir werden nachkommen, denn wir wollen Nachkommen
Und Nachkommen kommen nicht von selber vor
09.
Frau Marstetter
Text & Musik: William Wahl

An Kasse Drei sitzt seit zwanzig vor zwei Frau Marstetter
Deos und Babybrei ziehen stetig vorbei an Frau Marstetter
Windeln, Shampoos, Aromen fürs Bad
Rote-Bete-Saft aus Konzentrat
Und der Scanner, der tickt
Und die Weste, die zwickt

Pärchen im Stress kaufen Schwangerschaftstests bei Frau Marstetter
Duschgels und Pfandbons gehen über das Band von Frau Marstetter
Ein Storno um Viertel nach Vier
Der Chef kommt und sagt ihr
,,Ich hab's Ihnen schon so oft gezeigt"
Und Frau Marstetter schweigt

Doch heut Nacht werden Lichter sich um sie drehen
Sie werden scheinen und kreisen und alles wird stehen bleiben
Und was verloren und kaputt ging, wird ganz
Denn alles wird gut, wenn Frau Marstetter tanzt


Kichernde Teens kaufen löchrige Jeans bei Frau Marstetter
Junge Frauen mit Hund Kondome in bunt bei Frau Marstetter
Pause um viertel vor neun
Erinnerungen, die sich zerstreuen
Und der Abend, der naht
Und keiner der fragt

Doch heut Nacht werden Lichter sich um sie drehen
Sie werden scheinen und kreisen und alles wird stehen bleiben
Und was verloren und kaputt ging, wird ganz
Denn alles wird gut, wenn Frau Marstetter tanzt


Ein Mann torkelt schimpfend nach draußen
Er kämpft seine eigene Schlacht
Ein Mädchen, die Schminke verlaufen
Schleicht sich raus in die Nacht
Frau Marstetter fühlt sich erinnert
Sie weiß nicht, an wen und woran
Und dann, irgendwann ist der letzte gegangen

Sie macht zu und sie merkt, sie kann kaum noch stehen
Sie denkt, es ist wohl besser, wannanders zu gehen
Und sie läuft heim durch die Nacht dieses müden Lands
Das darauf wartet, dass Frau Marstetter tanzt
10.
Du lernst
Text & Musik: Julian Schramm/William Wahl

Lernst zu sehen, lernst zu kriechen, krabbeln, laufen
Das Schlafengehen, das an Muttermilch besaufen
Lernst zu nehmen und du lernst zu geben
Lernst nicht aus, denn du lernst fürs Leben

Lernst zu bitten und dich zu bedanken
Lernst Gleichungen mit zwei Unbekannten
Lernst zu teilen, auszuteilen, einzustecken
Und dann lernst du irgendwann auch wie Küsse schmecken
Und du lernst und lernst und lernst, und streckst dich nach den Sternen

Wir sind alle schon so weit gekommen
Mal ein Herz verloren, mal eins gewonnen
Wir haben ausgeteilt und kassiert
Haben so oft den Mund zu voll genommen
Sind gescheitert, haben von vorn begonnen
Und es irgendwann kapiert


Lernst Gesetze, Gebote, Normen, Regeln
Sie zu brechen oder zu umgehen
Lernst für Teste, Klausuren und für Scheine
Lernst Mädels kennen, aber erst mit der einen
Wie soll man sagen? Tja, ich glaube was du lernst, ist
Dass das Leben manchmal wirklich ernst ist

Und du lernst es heulend auf dem Zimmer
Liebe ist ein Arschloch, nichts ist für immer
Du lernst, wie es ist, etwas zu versieben
Und dann lernst du, ohne es zu wollen, dich zu entlieben
Und du lernst und lernst und lernst, und streckst dich nach den Sternen

Wir sind alle schon so weit gekommen
Mal ein Herz verloren, mal eins gewonnen
Wir haben ausgeteilt und kassiert
Haben so oft den Mund zu voll genommen
Sind gescheitert, haben von vorn begonnen
Und es irgendwann kapiert


Ja, du lernst und lernst und lernst, und du wirst du selbst
Denn du lernst zu stehen, nur indem du fällst

Wir sind alle schon so weit gekommen
Mal ein Herz verloren, mal eins gewonnen
Wir haben ausgeteilt und kassiert
Haben so oft den Mund zu voll genommen
Sind gescheitert, haben von vorn begonnen
Und es irgendwann kapiert
11.
Buhne Vier
Text & Musik: William Wahl

Sie schimmert immer noch wie Silber
Die laute, große, weite See
Und so wie damals singen die Wellen
Ihre Sehnsuchtssinfonie

Wollt' nie hierher zurück
Trotzdem spür ich dies Glück, genau hier
Wo du mit mir saßt im Sand vor Buhne Vier


Die Möwen, denen du deine Waffel
Und dazu meine letzte gabst
Kreischen ihre ewig gleichen Lieder
In den unendlich blauen Tag

Wollt' hier nie wieder sein
Und doch sitz ich allein genau hier
Wo du mit mir saßt im Sand vor Buhne Vier


Ich weiß nicht, wann es besser wurde
Doch dass es gut ist, sagt die See
Und auch die Narben, die wir tragen
Tun nur noch selten weh

Ein Paar sitzt da und schaut aufs Wasser
Den immerwährenden Wellengang
Und für jede Welle, die verschwindet
Hebt eine neue an

Alles hat seine Zeit
Und jetzt bin ich bereit, wir waren wir
Und nun bin es ich im Sand vor Buhne vier
12.
Ich Bass
Text & Musik: William Wahl

Du aus, ich an
Du Frau, ich Mann
Du heiß, ich hot
Du Girl, ich Gott
Ich: budugn gudu dadubau
Du: was?
Ich Bass

Ich Mund, die Ohr
Ich ich, die Chor
Die: mimimi mimimi
Ihr: was?
Ich Bass

Ich: bau, ihr: hui!
Die: öh, ihr: pfui!
Ich: hm, ihr: uh!
Die: äh, ihr: buh!
Ich: gägäng gägäng dägägäng
Ihr: krass!
Ich Bass
13.
Älter
Text & Musik: William Wahl

Morgens um sechs Uhr stehst du auf
Früher hast du da noch einen draufgemacht
Du warst wach die ganze Nacht
Beim Zähneputzen fragst du dich: wer ist der Typ vor dir?
Das bist doch du im Badezimmerspiegel
Und du greifst zur Creme im blauen Tiegel
Es ist nicht alles schlecht, also jetzt mal echt
Schließlich hast du 'nen Rasierpinsel und einen Rasierpinselbehälter
Du wirst älter

Du träumst von 'nem Porsche wie ein Mädchen von 'nem Pferd
Aber du kommst kaum mehr aus dem Sitz von deinem Seat
Immer noch denkst du: Alt sind die andern
Auf deinem Couchtisch Bücher übers Wandern

Abends kommen Freunde, so früh waren sie noch nie da
Damals habt ihr rumgemacht, heute spielt ihr Siedler
Wenn du mal ausgehst, ist schnell der Schwung raus
Du denkst dir: Meine Güte, sehen die Polizisten jung aus

Du fährst nach Holland, um das Meer wieder zu sehen
Im Hotel störst du dich dann an dem Sand zwischen deinen Zehen
Und du denkst dir: früher warst du mit dem Zelt da
Du wirst älter


Du demonstrierst nicht mehr gegen Bomben und Raketen
Du fragst dich: was macht der Krieg mit deinen Aktienpaketen
Unterhältst dich viel zu oft über Zinsen und Policen
Freust dich, wenn du heimfährst, auf das Blumengießen

Du hörst die selben Lieder jetzt seit 30 Jahren
Schade nur, dass dir auch die neuen nichts mehr sagen
Was man dir erzählt, ist so durchschaubar
Die Putzfrau ist teuer, aber sie hält alles sauber

Du fährst nach Holland, um das Meer wieder zu sehen
Im Hotel störst du dich dann an dem Sand zwischen deinen Zehen
Und du denkst dir: früher warst du mit dem Zelt da
Du wirst älter


Und deine Lebensuhr macht tick tack, tick tack
In ein paar Jahren macht sie ticke tacke, ticke tacke
Und dann ganz bald schon macht sie ticketacketicketacke

Magst all die Albernheiten lang schon nicht mehr sehen
Und kannst all das, was sie wollen, schon so lang nicht mehr verstehen
Und du fragst dich: sind die alle so viel dümmer?
Sie sind jünger
14.
Laktosetolerant
Text & Musik: William Wahl

Körperlich bin ich mit mir zufrieden
Von der Figur her lieg ich in der Norm
Mein Gesicht hat 'ne gesunde Farbe
Und meine Nase eine schöne Form
Meine eine Unzulänglichkeit wurd' lange nicht erkannt
Sie ist mir auch sehr peinlich
Ich bin laktosetolerant

Neulich ging ich ins Café und ahnte
Was mir dort mit meiner Schwäche schwante
Denn dort gab es so manches, was ich mag
Aber leider nicht vertrag

Da gab es Dinkeldrinks und Hafermilch aus Soja
Tolle Sachen, über die ich nur nicht froh war
Denn mein Körper baut die alle nur sehr knapp
Oder überhaupt nicht ab

Darum bestellte ich 'nen Milchkaffee mit Kuhmilch
Der Barmann sah so angewidert aus
Er sagte: Mann, du bist so ekelhaft
Nimm den Kaffee und dann hier raus

Ich bin 'ne Schande für dieses schöne Land
Denn ich bin laktosetolerant
Es ist 'ne Behinderung, von keinem anerkannt
Ich bin laktosetolerant


Beschämt durch diesen Vorfall und verdrießlich
Lief ich durch die Straßen, bis ich schließlich
Inmitten lauter junger Leute stand
Und in 'ner Demo mich befand

Die Menschen sahen mich an wie 'nen Verbrecher
Sie starrten auf die Kuh auf meinem Becher
Man demonstrierte hier, das sah ich nun
Für Tierwohl und Veganertum

Ich schwörte, ich sei Vegetarier
Und dass es ohne Milch für mich halt nicht gut geht
Doch der Mob schrie schon: Du nennst es Milch
Doch es ist Brustdrüsensekret

Ich bin 'ne Schande für dieses schöne Land
Denn ich bin laktosetolerant
Es ist 'ne Behinderung, von keinem anerkannt
Ich bin laktosetolerant


Ich werde nicht nur in Cafés
Energisch rausgebeten
Nein, inzwischen darf ich in Berlin
Manche Viertel gar nicht mehr betreten
Und ganz Mitte ist für mich tabu
Weil ich nicht Soja trinke, sondern nur Kuh

Ich bin 'ne Schande für dieses schöne Land
Denn ich bin laktosetolerant
Und damit nicht genug, denn ich muss hier gestehen
Ich vertrag nicht nur Laktose, sondern auch Gluten
15.
Anna lässt sich scheiden
Text & Musik: William Wahl

So schön hast du die Welt noch nie gesehen
Nichts strahlte je wie dieser Tag
Es ist, als würdest du auf Wolken gehen
Mehr als zu fassen du vermagst
Füllt es dich aus, dieses unverhoffte Glück
Du kannst es kaum beschreiben
Jetzt ist es passiert, die Welt jubiliert
Anna lässt sich scheiden

Nichts, was die Harmonie der Welt noch stört
Die Vögel stimmen ein Loblied an
Vor allen Dingen hat Anna, wie man hört
Alle Papiere schon zusammen
Der Himmel strahlt in dem allerblausten Blau
Und er muss unterschreiben
Du freust dich halb tot, sie schasst den Idiot
Anna lässt sich scheiden

Ganz egal, wie er auch jammert oder fleht
Er wird furchtbar leiden
Der ganze Erdenkreis preist Gott im Dankgebet
Du weißt, jetzt wird's was werden mit euch beiden
Anna lässt sich scheiden

Nun ist der Anlass für dies Freudenfest
Speziell für dich nicht optimal
Denn der Grund, aus dem sie sich jetzt scheiden lässt
Ist der: sie heiratet nochmal
Tja, wie du weißt, hab ich Anna auch sehr gern
Wie soll ich es umschreiben?
Sie mag zwar auch dich, aber heiratet mich
Anna lässt sich scheiden
Zur Feier darfst du bleiben
Anna lässt sich scheiden
Unsere achte CD! Fünfzehn Lieder sind drauf, vom Laktosetango bis zum Büroshanty, und man hört der CD hoffentlich den Spaß an, den wir bei der Aufnahme hatten.

Zum ersten Mal sind wir dafür nicht in ein normales Tonstudio gegangen, sondern haben uns für ein paar Wochen ein altes Fachwerkhaus vor den Toren Kölns gemietet, in das wir dann alle erforderliche Technik bugsiert haben. Das Wohnzimmer wurde zum Aufnahmeraum und die Küche zur Tonregie. In den gemütlichen Zimmern im Obergeschoss haben wir geschlafen, bis wir - ungewohnt für uns Stadtmenschen - allmorgendlich von den Vögeln geweckt wurden.

Deren Gesinge war dann manchmal auch tagsüber so laut, dass wir fürchteten, sie mit auf Band zu haben! Obwohl, wer weiß - wer sich seine guten Kopfhörer anzieht, mag sie vielleicht doch an der einen oder anderen Stelle zwitschern hören... Der kleine Gastauftritt sei ihnen gegönnt.
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